am 22.10.2020

55 Jahre Lebenshilfe Kempten

55 Jahre Lebenshilfe Kempten

In diesem Jahr feiern wir einen ganz besonderen Geburtstag – der Verein Lebenshilfe Kempten wird 55 Jahre.

Herausforderungen hat es in den vergangenen 55 Jahren innerhalb der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung schon immer gegeben. Das begann bereits zu Beginn der Elterninitiative und hat sich wie ein roter Faden in den vergangenen Jahrzehnten durch das Handeln unseres engagierten, gemeinnützigen Vereins durchgezogen. Dabei haben und hatten alle Vorstände und Geschäftsführer, alle Eltern und Mitarbeiter stets das Wohl der Menschen mit Behinderung im Blick – immer mit der Intension, die auch das Leitbild der Lebenshilfe Kempten prägt: „Es ist normal, verschieden zu sein.“ Dass bei all diesem Engagement ausgerechnet im 55. Jubiläumsjahr ein Virus unsere Solidargemeinschaft erneut auf eine harte Probe stellt, hätte am Anfang des Jubiläumsjahres wohl niemand vermutet.

Die Lebenshilfe ist in einer Zeit geboren, als Kinder und Jugendliche mit Behinderung als „schachsinnig und bildungsunfähig“ gegolten haben. Bis weit in die 60er Jahre wurden sie aus Kindergärten und Schulen ausgeschlossen, hatten kein Recht auf Bildung somit auch keine Beschäftigungsperspektiven. Noch unter dem Eindruck des Nazi-Terrors musste die Gründergeneration der Lebenshilfe somit gegen massive Diskriminierung und ein gedankliches Konstrukt ankämpfen. Ihre tiefe Überzeugung war es, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung bildungsfähig sind und einen Anspruch auf Förderung haben, dass es ein Hilfesystem geben muss, dass verbindlich geregelt wird (Rechtsanspruch statt Almosen) und dass Hilfen dort entstehen, wo sie benötigt werden - dezentrale Hilfen, wohnortsnah, statt große Anstalten und Heime. Sie waren mutige Vorreiter für etwas, was 2008 endlich in der UN-Behindertenrechtskonvention seinen Niederschlag fand.
Bei uns in Kempten waren Wolfgang und Cilli Bergleiter vor 56 Jahren gemeinsam mit Pfarrer Helmut Alt der Motor für den Aufbau der Lebenshilfe Kempten. Eine Veranstaltung mit Tom Mutters, dem Gründer der Bundesvereinigung der Lebenshilfe, und 200 Gästen machte Mut zur Vereinsgründung „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind e.V.“ am 15. Juni 1965 in Kempten.
Damals: Eine pädagogische Ausbildung speziell für Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung – Fehlanzeige. Inklusion war ebenfalls ein Fremdwort. Lebensnahe Hilfen und Ideen für Kinder mit einem Handicap mussten erst einmal entwickelt werden.

In den Anfangsjahren ging es insbesondere um Kinder mit Behinderung – so entstand 1966 der erste Sonderschulkindergarten in einer ehemaligen Schulbaracke. 18 Kinder im Alter von 3 bis 18 Jahren lernten hier unter der Anleitung von „Tante Irmgard“ (Kindergärtnerin Schmiedele) und zwei Helferinnen das Leben in der Gemeinschaft.

Das Bildungskonzept der Lebenshilfe baute allerdings bald auf drei Säulen auf: Kindergarten – Schule – Werkstatt. Die erste Schulklasse gab es 1968/69, die erste Werkstattgruppe 1969. Aus letzterer wurde 1975 die Allgäuer Werkstätten GmbH.

Mit Schuljahresbeginn 1972/1973 wurde die „Private Sonderschule für geistig Behinderte Kempten (Allgäu)" genehmigt, der Verein konnte nun eine eigene Schule betreiben. Die Schule ist Vorläufer der im Jahr 1976 in „Tom-Mutters-Schule“ umbenannten Einrichtung, die heute noch in Thingers betrieben wird. Aktuell werden an der Tom-Mutters-Schule, der Schulvorbereitenden Einrichtung sowie in drei Außenklassen knapp 200 Schülerinnen und Schüler durch Sonderschullehrer unterrichtet und von Kinderpflegern, Heilpädagogen und Therapeuten betreut. Zwei Drittel dieser Schüler erhalten in der angegliederten Heilpädagogischen Tagesstätte (errichtet 2006) eine Nachmittagsbetreuung.

Weiter kamen die Kinderhilfe Allgäu (1978) und der Familienentlastende Dienst (FED/1985) hinzu. Mit 23 Jugendlichen startete 1995 die Offene Behindertenarbeit (OBA). Sie ermöglicht bis heute eine Teilnahme an verschiedenen Freizeit-, Kultur-, Bildungs- und Sportangeboten - und bringt Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Mit dem Start der Offenen Behindertenarbeit wurden OBA und FED in einem eigenen Bereich organisiert: Den Offenen Hilfen.

Eine Konsequenz in der Weiterentwicklung des Vereins war auch das Angebot von unterschiedlichen Wohnmöglichkeiten – in der Gemeinschaft (ab den 70er Jahren), mit dem ersten Wohnheim (1983) oder ambulant in der eigenen Wohnung (1995). Hinzu kamen außerdem Seniorentagesplätze, denn auch Menschen mit Behinderung werden immer älter. So entstand in Kempten die erste Senioren-Tagesstätte Bayerns für Menschen mit Handicap (1996). Heute haben wir zwei Tagesstätten für berentete und teilzeitbeschäftigte Menschen mit geistiger bzw. mehrfacher Behinderung im Angebot.

Das erste eigene Wohnheim der Lebenshilfe Kempten entstand 1983 an der Mariaberger Straße. Aktuell entsteht für deren Bewohner ein Wohnheim-Neubau mit 24 Wohnplätzen aufgeteilt in zwei Wohngruppen in Waltenhofen. Gebaut wird es durch die Raiffeisenbank Kempten-Oberallgäu eG. Im Frühjahr nächsten Jahres können die Bewohner in ihr neues Zuhause ziehen. Das Gebäude in der Mariaberger Straße wird im Anschluss von Grund auf saniert und für ein neues inklusives Wohn- und Lebenskonzept hergerichtet.
Insgesamt leben heute ca. 140 erwachsene Menschen mit Behinderung in 17 Wohngruppen an 8 unterschiedlichen Standorten in Kempten gemeinschaftlich zusammen.

Ein weiterer Teil des Bereichs Wohnen ist das Ambulant Betreute Wohnen (ABW). Hier wird eine professionelle ambulante Unterstützung zum selbständigen Wohnen in der eigenen Wohnung für erwachsene Menschen mit einer geistigen oder seelischen Behinderung angeboten.

Parallel zur Herausforderung neuen Wohnraum für erwachsene Menschen mit Behinderung zu schaffen, war es das Ziel, so früh wie möglich mit den (werdenden) Eltern in Kontakt zu treten, um frühest möglich Hilfe anzubieten. So entstand 1978 die Kinderhilfe Allgäu, die bis heute Kindern mit Entwicklungsverzögerungen bzw. mit Behinderungen und deren Familien von Geburt bis zum Schuleintritt unterstützt.

Für die Kinderhilfe Allgäu bringt 2020 eine große Neuerung: Eine neue Außenstelle in Immenstadt wird eröffnet – um auch hier wohnortnahe Hilfen anbieten zu können. Die Eröffnung ist für Oktober geplant. Insgesamt gibt es dann drei Anlaufstellen, in Immenstadt, Sonthofen und Kempten.

Weitere Meilensteine in der 55-jährigen Geschichte der Lebenshilfe: die Gründung der Stiftung Lebenshilfe Kempten (1995). Sie feiert heuer auch bereits ihr 25-jähriges Jubiläum. 2004 wurde das Autismus Zentrum Allgäu (AZA) mit einigen Kooperationspartnern gegründet, seit 2007 unter dem Namen Autismus Zentrum Schwaben (AZS) bekannt.

Wie ein roter Faden durch die Geschichte der Lebenshilfe Kempten zieht sich vor allem eines: Aus allen Krisen und Herausforderungen sind wir stets stärker hervorgegangen. Dabei ist der besondere Hintergrund der Elterninitiative zu sehen. Im Vorstand tragen sie bis heute viel Verantwortung mit und für wegweisende Entscheidungen und in den einzelnen Einrichtungen sind sie als engagierte Unterstützer und Helfer unentbehrlich. Gemeinsam mit ihnen, mit allen Mitarbeitern, Mitgliedern und Unterstützern – beispielsweise zeigten diese eine große Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft in den ersten Wochen der Corona-Zeit, als nach einem Aufruf der Lebenshilfe hunderte freiwillige Helfer Behelfsmasken nähten - setzt sich der Verein auch in Zukunft jeden Tag für das Wohl der uns anvertrauten Menschen mit Behinderung hier in der Region ein.

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