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am 01.10.2021

Klausurgespräch mit dem Bezirkstagspräsidenten

Träger der Behindertenhilfe in Kempten waren im Sommer 2021 im erneuten Dialog mit dem Bezirkstagspräsidenten des Bezirks Schwaben und den Allgäuer Bezirksräten.

„Lassen Sie uns im kommenden Frühjahr zu einem weiteren Gespräch zusammenkommen und schauen, was mit unseren Ideen passiert ist“, formulierte es Bezirkstagspräsident Martin Sailer locker am Ende des Klausurtreffens mit Vertretern der Lebenshilfe Kempten e.V., der Diakonie Kempten Allgäu, der Körperbehinderte Allgäu gGmbH, der Allgäuer Werkstätten GmbH und der Lebenshilfe Südlicher Landkreis Oberallgäu e.V. Gemeinsam wurde konstruktiv und kompakt in kurzer Zeit über die Themen Personalmangel, Pflege und Wohnen gesprochen. Zudem wurden Lösungsansätze durch die Vertreter der Behindertenhilfen vorgestellt, die im Anschluss in Form eines Arbeitspapiers mit den zuständigen Stellen bei der Regierung besprochen werden sollen. Auch will man künftig Allgäuer Landtags- und Bundestagsabgeordnete mit einbinden, um eine möglichst große Lobby für die Behindertenarbeit auf allen politischen Ebenen zu schaffen.

Es war bereits das zweite Treffen der fünf Einrichtungen mit Bezirkstagspräsident Martin Sailer und den Allgäuer Bezirksräten, um ein besseres Verständnis für die Alltagsrealität zu schaffen, wie Moderator Dr. Michael Knauth, Geschäftsführer der Körperbehinderte Allgäu, zu Beginn des Treffens betonte. Dabei boten die Vertreterinnen und Vertreter der Einrichtungen stets Lösungsansätze an. Die Tagung machte anhand einiger Corona-Beispiele auch das gute Verhältnis zwischen Bezirk und den fünf Trägern vor Ort deutlich. „Der Bezirk hat schnell und unkompliziert auf unsere Anfragen gehandelt“, waren sich die Trägervertreter einig. Und Geschäftsführerin Christine Lüddemann von der Lebenshilfe Kempten meinte: „Wir betreuen weiter, unsere Betreuten und Mitarbeiter sind noch da. Es gibt uns noch!“ Dem Danke der Träger zeigte Bezirkstagspräsident Martin Sailer seine Wertschätzung den Trägern gegenüber, wie sie diese Krise vor Ort bewältigt haben. Da sei es selbstverständlich gewesen, von Seiten der Bezirksverwaltung schnelle, pragmatische Lösungen zu finden.

Eine Warteliste für die Teilhabe an der Tagesstätte oder bei weiterer Zuspitzung der Personallage drohen Schließungen von Wohngruppen – das sind Auswirkungen des Fachkräftemangels. Dr. Knauth: „Es kann doch nicht sein, dass ich einem 40jährigen Bewohner sagen muss, er muss zurück zu seiner 80jährigen Mutter, weil kein Personal mehr da ist.“ Er sprach von einer sozialpolitischen Spaltung, bei der einige „voll umfänglich versorgt“ und andere „gar nicht versorgt“ seien. Die Frage: Ist nicht die Absenkung von dem hohen Standard zumindest temporär möglich? Auch Roland Hüber, Vorstand der Diakonie Kempten Allgäu, äußerte die Sorge um adäquaten Nachwuchs im Bereich der Fachkräfte. Martin Sailer fand den Begriff der Spaltung sehr interessant, meinte, man solle diesen auch auf anderen politischen Ebenen deutlich machen! Sailer meinte allerdings, dass man bei der Absenkung der Fachkraftquote so schnell keine Lösung finden werde.

Christine Lüddemann schlug vor, Hilfskräfte mit langjähriger Berufserfahrung über das Berufsbildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (BBW) in Augsburg und einer Begleitung vor Ort „nachzuqualifizieren“. Das habe man mit drei Kinderpflegerinnen in der Lebenshilfe Kempten gemacht, die aktuell mit Genehmigung der Regierung je eine Gruppe führen würden. Das pädagogische Modell könne Schule machen.

„Man braucht einen Rahmen mit Freiheiten – sonst stranguliert man das System“ – dieses Zitat von Wolfgang Schäuble wurde zum Punkt Wohnen aufgegriffen. „Es kommt doch nicht auf die letzten Zentimeter der Raumgröße an, wenn sich die Bewohner in ihrem Wohnheim wohlfühlen. Es gehe bei der Qualität nicht in erste Linie um das Gebäude, sondern um die Dienstleistung.“ Hier warf der Bezirkstagspräsident ein, dass es im Bezirk Schwaben einen Sanierungsstau von rund 360 Millionen Euro bei den Gebäuden gebe. „Es darf auch nicht alles kaputt geregelt werden. Das Augenmaß fehlt hier auf ganzer Linie“, meinte er. Er warb dafür, weitere Verbündete – wie beispielsweise dafür, Bundestagsabgeordnete aus der Region mit ins Boot zu holen.

Ein dritter Punkt war die Gleichsetzung von Alten- und Behindertenpflege. Hier brauche es dringend andere Grundlagen. Man könne einen jungen geistig fitten, aber körperlich eingeschränkten jungen Mann nicht mit einem Altenheimbewohner gleichsetzen. Deshalb brauche es für die Behindertenhilfe einen differenzierten Prüfleitfaden. „Das Prüfsystem passt - so wie es aktuell ist - nicht!“ bemängelte Dr. Michael Knauth.

Zu allen drei Lösungsansätzen wird jetzt von den Trägern ein Konzept vorbereitet. Mit der Unterstützung des Bezirks werden dann Gespräche mit den zuständigen Stellen bei der Regierung von Schwaben gesucht. Bezirkstagspräsident Sailer fasst das Gespräch als sehr konstruktiv und ergebnisorientiert zusammen und freut sich auf ein weiteres Treffen im Frühjahr 2022 (mori).

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